die.jägerburg - Integrierte Angebote
für Familien mit verhaltensauffälligen Kindern
www.jaegerburg.de

Verhaltenstraining
Dr. Johannes Streif

 

 

 

 




 

 

 

Fürsorge, Inbegriff des zweiten an einer Fremdunterbringung von Kindern beteiligten Systems, ist umgangssprachlich bei weitem nicht so gut besetzt wie Familie. Was in fürsorglich noch aktiv und positiv als "liebevoll um jemandes Wohl bemüht" (Duden) begriffen wird, ist in Fürsorge institutionell durch passive Bedürftigkeit und Defizienz gekennzeichnet. Sinngemäß versteht Heidegger unter Fürsorge das Zurückstoßen des Menschen in seine Sorge; Sorge meint dabei den Modus der menschlichen Anwesenheit in der Welt. Als ein auf Gesetzen und Normen gegründeter gesellschaftlicher Auftrag ist Fürsorge hingegen der Versuch, die Sorge einzelner oder gar von Gruppen auf andere zu übertragen. Es ist nicht nur Existenzialisten einsehbar, dass solches Unterfangen sinnlos ist.

 

 

Nachdem das Jugendamt Niklas Heimunterbringung befürwortete, lenkte und finanzierte es die Erziehung eines Kindes, das er in 'seiner' Familie (noch) nicht sein konnte; natürlich war der Mutter die Sorge um die Erziehung ihres Sohnes weitgehend abgenommen, doch wurde sie mit der Heimunterbringung eine andere als die, die sie in ihrer Sorge gewesen war. Zudem wurde die Einhaltung der gesellschaftlichen Norm auf eine andere Ebene verlagert. Ist es zunächst das Kind, das nicht 'funktioniert', so wird durch den Vollzug der Fürsorge ihr Funktionieren zum Kriterium, denn die Passivität und Defizienz des Familiensystems ist durch sein Versagen festgeschrieben. Mehr noch: Der Fürsorgeauftrag der Gesellschaft verlangt das Scheitern der Familie, indem er einerseits Hilfe an Bedingungen knüpft, andererseits paradoxerweise die Institutionalisierung der Fürsorge durch die Erfüllung der Bedingungen legitimiert.

 

In Bezug auf Heimkinder und Heimpersonal formuliert Graf* diese Reziprozität als "strukturelle Abhängigkeit der einen Kategorie von der anderen", die in der "pädagogischen Ideologie des Helfens ausgeblendet" werde. Der Gedanke der Fürsorge konstituiert gescheiterte Familien, indem er ihres Begriffes bedarf, um sich zu begründen. Damit ist nicht gesagt, dass die Verhältnisse, welche die Fremdunterbringung eines Kindes notwendig erscheinen lassen, durch die Fürsorgemöglichkeit faktisch geschaffen werden. Andere Zeiten und Gesellschaften, die Fürsorge nicht kennen, zeigen aus der Sicht der Fürsorgegesellschaft sehr wohl für Kinder problematische Familienverhältnisse. Allerdings zwingt die Idee der Fürsorge zur Annahme, dass es in Familien Probleme gibt, die ihre Sorgepflichtigen nicht oder nur schlechter lösen können als nichtfamiliäre Sorgeinstitutionen; dass es für Kinder etwas Besseres geben kann als ihre Familien; dass dieses Bessere benennbar ist: materielle Versorgung, feste Strukturen, emotionale Wärme oder ähnliches; dass die Verbesserung für das Kind oder die Restfamilie messbar ist und Personen und Institutionen sie gewährleisten. Aus den Implikationen dieses Systems lässt sich eine Vielzahl von Konditionen für seine Agenten wie auch Adressaten ableiten. All dies, obschon in der Für-Sorge  die Referenzgröße Sorge ausgelöscht ist.

Jetzt, später, kann man sehen, dass wir tatsächlich
das meiste begriffen haben.
Sie hatten einen großartigen Plan gehabt.
Den Plan, alle Kinder in der dänischen Volksschule
zu versammeln, auch die gestörten und die
straffälligen, auch die schwierigen Schüler,
alle bis zur Schwachsinnsgrenze.
Biehls Privatschule sollte zum Modell für diese
Integration werden. Die Schule hätte ein
Laboratorium sein sollen, eine Werkstatt, um zu
untersuchen, wie diese Vereinigung vor sich gehen
sollte. Was an Sicherheitsvorkehrungen erforderlich
war, an psychologischer Hilfe, an Nachhilfeunterricht.
Um diesen ersten Versuch sollten die Ordnung und
Genauigkeit der Schule den festen und sicheren
Rahmen bilden. [...]

[Sie waren sich] absolut und total sicher, dass sie
recht hatten und dass ihre Ideen und Gedanken mit
künftigen Generationen von Kindern, die erwachsen
wurden, hinaus in die Welt fliegen und sich über
das Land verbreiten würden [...]. Dass man eines
Tages, in einer nicht zu fernen Zukunft alle dazu
bringen könnte, ihre Ideale von Fleiß und Präzision
zu respektieren, und dann würden alle Lebewesen
im Universum friedlich zusammenleben.
Ich weiß, dass das ihr Ziel gewesen ist.
Das kann man nicht alltäglich nennen.
So etwas nennt man kolossal.

Peter Hoeg
Der Plan von der Abschaffung des Dunkels
Hanser (1995) S.223ff.

 

 

 

Die Fürsorge selbst partizipiert an verschiedenen Systemen, die sie ihrerseits institutionell konditionieren. Das KJHG vertritt einen sozialwissenschaftlich-juristischen Diskurs, der den gesellschaftlichen Auftrag der Fürsorge formuliert. Die finanzielle Grundlage der Fürsorge ist demgegenüber ein spezifisches Wirtschafts- und Haushaltssystem, das den im Gesetz festgeschriebenen gesellschaftlichen Auftrag nicht beliebig zu realisieren erlaubt. Die organisationale Umsetzung der Fürsorge wiederum gehorcht einer dritten Normierung: Bestimmten Organisationsstrukturen, Beziehungen unter den Mitarbeitern, dem Arbeitsrecht, allgemein gültigen Tarifverträgen usw. Heute mag nicht bezahlt werden können, was der Sache nach notwendig erscheint; morgen vielleicht kann eine überflüssig gewordene Fürsorgeeinrichtung nicht geschlossen werden, weil ihre Mitarbeiter schwer kündbar sind.

 

Doch die Interaktion der Systeme blockiert Handlungsalternativen nicht allein, - sie transformiert sie. Der Rat von Sozialwissenschaftlern mag wirtschaftliche Ressourcen freisetzen; umgekehrt ist aber auch denkbar, dass Ressourcenbeschränkungen den sozialwissenschaftlichen Diskurs bestimmen, indem sie beispielsweise seine Foren beschneiden oder nur spezifische Beiträge honorieren lassen. Da diese konditionierenden Systeme auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt und legitimiert sind, ist eine strukturelle Lösung in Bezug auf einen gemeinsamen Gegenstand wie Fürsorge nicht möglich. Der Alltag zeigt entsprechend den dominierenden Einfluss eines Systems (z.B. 'die billigste Lösung') oder den Aufschub angezeigter, aber sanktionierter Maßnahmen (z.B. 'stets Erziehungsberatung vor Heimunterbringung'). Dieses Vorgehen korrumpiert schließlich seinerseits den Status der Fürsorge, der ihre Konditionen in der auftraggebenden Gesellschaft beschreibt.

 

 

Institution ...

* Erich Otto Graf
Institutionelle Einflüsse auf die
Funktionsweise von Erziehungsheimen
in: E. O. Graf (Hrsg.)
Heimerziehung unter der Lupe
Edition SZH (1993) S.134
 

 

 

 

Home ] Nach oben ] 

Alle Texte, Bilder und graphischen Darstellungen
Copyright © Johannes Streif; Kopien oder Gebrauch
nur nach persönlicher schriftlicher Genehmigung
Bitte beachten Sie den Haftungsausschluss, der für
das gesamte Internet-Angebot von therapaed gilt
Bei Fragen zur Homepage: webmaster@therapaed.de 
Bei Fragen zu therapaed: info@therapaed.de    
Copyright  © 2001 Johannes Streif / Impressum